Der Freitag hätte schöner kaum starten können. Die Luft in den Straßen fühlte sich nach Sommer an, der Himmel strahlte blau, die Sonne stieg immer höher und ich bereute, nichts Kurzärmeliges zu tragen. Mit einem Freund hatte ich im Biergarten im Park einen Vormittagskaffee getrunken. Im Schatten der großen Bäume schlürften wir wie die anderen sonnenbebrillten Mütter, Künstler, Projektanschieber und Tagträumer unser Milchschaumgetränk. Gegen Mittag war ich weiter zum anderen Park spaziert und hatte mich auf einer Bank am Spielplatz niedergelassen. Mangels einer Buddelkiste fehlen hier die Vormittagsmütter mit Kleinkindern, es ist einer meiner Lieblingsorte zu dieser Tageszeit. Nichts war zu hören außer einer laut singenden Amsel, die aufgeregt umherhüpfte. Ich knabberte an einem Splitterbrötchen, das Baby schlief. Die Sonne stand im Zenit, ich hatte mich der Schuhe und Socken entledigt und meine qualmenden Füße auf dem Kinderwagen geparkt. Mittagsmüde überflog ich einen Zeitungsartikel über die Ministerinnen van der Leyen und Schröder.
Als ich den Kopf hebe, sehe ich die alte Frau. Eine sehr alte Frau, sehr kleine Frau. Mühsam aber zielstrebig steuert sie auf den Spielplatz zu, so schnell es eben geht mit ihren seitlich verkrümmten Beinen. Mit der einen Hand stützt sie sich auf einer Krücke, die kaum höher als mein Knie ist. Mit der anderen Hand zieht sie ein Einkaufswägelchen hinter sich her, auf dem oben ein Paket Klopapier festgebunden ist, das bedrohlich schief hängt. Auf einem der Spielgeräte mit einer Holzplatte lässt sie sich nieder. Ich falte meine Zeitung zusammen und steige strumpflos in meine Schuhe. Mit dem Kinderwagen schiebe ich zu der Frau und frage sie, ob ich ihr helfen kann, ob ich ihren Einkauf irgend wohin transportieren kann. Ach, erwidert sie, es sei doch ihre Schuld. Sie war bei dem schönen Wetter auf dem Friedhof und dann noch bei Netto, und da hätte sie einfach zu viel eingekauft. Jetzt dauert der Heimweg eben länger, und – sie schaut mich von unten an – ich könne den schweren Wagen ja auch nicht ziehen. Ich muss etwas lachen, denn ich bin mindestens zwei Köpfe größer, doppelt so kräftig und höchstens halb so alt wie die Frau. Ich registriere, dass sie für ihr Alter ungemein gut hört. Sehr wache Augen blitzen mich hinter der Brille aus einem freundlichen und sehr faltigen Gesicht an. Ich wiederhole, dass ich ihr sehr gerne helfen möchte – und dass ich Zeit habe. Als ich das sage, muss ich selber staunen. Ja, ich habe Zeit an diesem sonnigen Freitag. Da schlägt sie vor, was ich mir auch dachte: Sie schiebt den Kinderwagen, der eine recht passable Gehhilfe abgibt, und ich ziehe das Einkaufswägelchen samt der Krücke.
So brechen wir auf in Richtung Hauptweg. Arthrose in den Beinen, erzählt sie mir. Vor Jahren sollte operiert werden, aber da sei dann gerade ihr Mann gestorben. Jetzt ist es zu spät. Man könne nichts mehr machen, nur etwas gegen die Schmerzen nehmen. Das solle man aber nicht so oft. Ohne jede Bitterkeit erzählt sie.
Wir kommen nur langsam vorwärts. Am Hauptweg stehen viele Bänke, das ist mir früher nie aufgefallen. Gleich auf der ersten machen wir eine Pause. Sie freut sich an dem kleinsten Mädchen, das seinen Kopf im Schlaf hin und her dreht und wir erzählen über unsere je drei Kinder, ihr jüngstes ist ebenfalls ein später Nachzügler. Wir freuen uns, wie laut die Vögel zwitschern an diesem warmen Frühlingstag. Als wir uns wieder in Bewegung setzen, ist das Baby aufgewacht. Die alte Frau strahlt in den Wagen – und das Mädchen lächelt verlegen zurück. Sie erzählt weiter von ihren Enkeln und Urenkeln, bald kommt das achte.
Wir erreichen die nächste Bank. Als wir sitzen, frage ich sie, wie sie das sonst mit ihren Einkäufen macht, denn das Wägelchen hat ein ordentliches Gewicht. Sonst geht sie zu Kaisers, erwidert sie, das sei näher und auf dem halben Weg liegt eine Bushaltestelle, auf den Sitzen könne sie sich gut ausruhen. Aber heute war sie leichtsinnig, wiederholt sie, bei Netto gibt es eben andere Sachen und es sei auch billiger, da habe sie dummerweise zu viel gekauft. Ich frage mich, wie das wohl sein muss im Alter, wenn man seine Wege danach aussuchen muss, in welcher Entfernung Bänke für eine Pause stehen. Wenn die Beine permanent schmerzen. Und man bei jeder Saftflasche überlegen muss, ob man die überhaupt nach Hause transportieren kann.
Als wir unseren Weg fortsetzen, erzählt sie von 61, vom Mauerbau, als sie von einem Tag auf den anderen von ihren Eltern abgeschnitten war. Als sie nicht nach Westberlin durfte, als diese im Sterben lagen, erst zur Beerdigung. Sie erzählt das fast beiläufig und ich kann nur ahnen, mir vage ausmalen, wie groß ihre Verzweiflung und Ohnmacht gewesen sein müssen. Später, als sie Rentner waren, durften sie ja rüber. Das war schön, jedoch war die Angst vor den Grenzern immer groß, im Tränenpalast an der Friedrichstraße.
Wir nähern uns Bank Nummer drei. Das kleinste Mädchen hat Hunger und Durst bekommen. Während ich sie stille, erzählt die Frau von ihrem Mann, der so lange gegen den Krebs forschte und ihm dann selber erlag. Da waren die beiden sechzig Jahre verheiratet gewesen. Sie fragt, wie es meinem Vater ohne meine Mutter geht und ich erwidere, dass er sich wacker schlägt und ich mir keine großen Sorgen machen muss. Das sei nicht immer so, häufig kämen Eheleute, meistens Männer, nach dem Tod des langjährigen Partners nicht allein zurecht. Viele ihrer alten Bekannten und Nachbarn leben nicht mehr, aber sie kennt schon noch einige Leute. Nicht die, die nur klagen und jammern, die meidet sie. Das kann ich mir gut vorstellen. Ihre Kinder und Enkel kämen häufig. Das beruhigt mich etwas.
Wir stehen an der Ecke zu ihrer Straße. Für die etwa 800 Meter haben wir fast eine Stunde gebraucht. Sie könne jetzt alleine weiter, versichert sie, aber ich will sie wirklich nicht mit dem schweren Wagen ziehen lassen. Ich versichere ihr noch einmal, dass ich Zeit habe und dass es mir außerdem Spaß macht, mit ihr zu reden. Das freut sie sichtlich und wir biegen in die Straße ein. Vor ihrem Haus, in dem sie alleine lebt, erzählt sie, dass damals hier der Hund begraben war. Ein paar Häuschen, viel Acker und ja, auch einige Kriegsschäden. Heute ist alles dicht besiedelt. Die kleine Frau bittet mich noch in ihren etwas verwilderten Garten. Unbedingt. Die riesige Tanne habe ihr Sohn vor fünfzig Jahren gepflanzt. Und der Apfelbaum, unter dem der Kinderwagen steht, trage meistens gut.
Ich muss nun doch langsam gehen, denn der Große kommt nach Hause. Ihren Einkauf trage ich noch die vordere Treppen in den Vorraum. Wir verabschieden uns auf bald. Bestimmt werden wir uns einmal auf dem Friedhof begegnen, da sei sie ja auch häufig, oder im Park, oder beim Einkaufen. Oder ich solle doch unbedingt einmal klingeln, wenn ich mit dem Baby wieder spazieren gehe.