Altersgerecht

Ich glaube, in meinem ganzen Leben habe ich noch nie so dicht an einem Laden gewohnt. Über die Straße, schräg hinter unserem Haus, befindet sich ein kleiner Supermarkt. Keiner will dort eigentlich einkaufen, der Laden ist ramschig, das Sortiment unterirdisch, aber immerhin. Für Butter, Bier und Schokolade reicht es allemal. Das Einkaufen erreicht eine viel entspanntere Dimension. Fehlt abends fünf vor acht etwas Essbares, schlufft der eine oder die andere mal eben über die Straße. Vielleicht ja eines Tages auch in Latschen und Bademantel. Aber nicht nur das. Mit dem Einkaufswagen können wir theoretisch bis zum Kühlschrank rollen und dort auspacken. In Rücksicht auf den neuen Fußboden taten wir das bisher nicht… aber wer weiß. Im Fahrradkeller parkt bereits ein Einkaufswagen, der Rest unserer Haus-WG weiß die Vorteile offensichtlich auch zu schätzen.

Was für den Einkaufswagen gilt, funktioniert auch mit dem Kinderwagen. Theoretisch können wir bis in die Wohnung schieben. Das machen wir ebenfalls nicht, sondern parken vor der Wohnungstür. Nachdem ich zwei Kinder in der Wanne von unten bis in den zweiten Stock geschleppt habe – während am anderen kleinen Finger und um den Hals noch der Einkauf baumelte, ist das eine Errungenschaft, über die ich mich bestimmt drei mal täglich freue. Wie über einiges andere auch.

Naja, und was mit dem Kinderwagen geht, funktioniert eines fernen Tages auch mit Rollator oder ähnlichem. Schau mer mal.

Adieu, vier Wände

Die Übergabe der alten Wohnung war ein lange gefürchteter Termin. Der Terminus “besenrein” ist beinah grenzenlos dehnbar, schlimmstenfalls hätten wir Zwischenböden rückbauen, Laminat rausreißen und jede Menge malern müssen (rote Wände, aufwendige Schwämmchentechnik…). Ein paar Wände haben wir gemalert, den Rest so belassen und besenrein geputzt. Was dann auch ein paar Tage dauerte, da lagert je mehr Dreck in den Ecken als man jemals ahnen würde, in fester Erinnerung wird mir der Gasherd verhaftet bleiben. Für 17 Uhr hatte sich der Mieterbetreuer angekündigt, ein Schnösel, dem sein schlechter Ruf vorauseilt und mit dem wir ausschließlich unangenehme Begegnungen hatten. Wenigstens würde 17 Uhr die Sonne verschwunden sein, sie würde nicht die dreckigen Fenster beleuchten und die dürftig lackierten Flecken auf dem Türrahmen und die schlecht deckende weiße Wandfarbe, zwischen der das alte Rot und Gelb und Blau vorblitzte. Hastig gegipste Löcher, Spuren dreckiger Kinderpatschen an den Wänden und was in acht Jahren so alles Spuren an und in Wänden, Decken und Türen hinterlässt. Wir waren nervös, als wir draußen auf der Haustreppe saßen und warteten. Das Dragonermädchen hatte einen harten Kindergartentag hinter sich und schnarchte auf dem Schoß des Freundes. Dreckig und rotzverschmiert. Das kleinste Mädchen hopste mir quietschvergnügt auf dem Arm rum.
Als der Herr eine Viertelstunde nach dem Termin nicht auftauchte, rief ich an. Oh, er hätte keinen Termin im Kalender, wäre aber in 5 Minuten da. Das war er auch und entschuldigte sich. Bonus für uns. Wir schleppten unsere Töchter in die leere, saubere Wohnung. Die Große legten wir in den Flur, sie schnarchte laut weiter. Die Kleinste krabbelte sofort los, immer dem Anzugmann hinterher. Inzwischen war nicht nur die Sonne längst untergegangen, es dämmerte bereits. Natürlich hing keine einzige Lampe mehr. Natürlich hatte auch niemand ein Licht mit, so ein Pech aber auch. Sieht ja alles gut aus, waren seine ersten Worte, Sie haben viel gemacht. Oh jaaa, das war auch nicht zu übersehen, denn vor der Tür stapelten sich Maler- und Putzeimer. Kaum sein Papier sehend schreibt er alle Gegenstände auf. Und was ist mit dem Laminat? .. Ähm… Das haben wir lieber drin gelassen, sonst hätten Sie jetzt eine Baustelle…
Okay, sagt er und schreibt weitere Zettel auf dem Herd, dem einzig verbliebenen Möbel in der Wohnung. Den Herd wird er nicht mal öffnen. Dabei habe ich diesen mit Zeug bearbeitet, für das ich Handschuhe und Atemmaske gebraucht hätte und das in freier Wildbahn wahrscheinlich explodieren würde. Beim nächsten Gebrauch auch. Umsonst. Die Hängeböden beachtet er nicht einmal. Ich händige drei Schlüsselsätze aus. Für den vierten fehlenden waren eigentlich 50 Euro fällig, so hatte er es vor Monaten angekündigt. Auch davon keine Rede mehr. Sie haben aber süße Töchter, in dem Alter sind sie noch so pflegeleicht… Klar, Mann. Ich frage mich die ganze Zeit, aus welchem Schleimtopf der gefallen ist. Der feine Zwirn, während wir da stehen wie zwei Putzlappen.
Ob denn der Keller leer sei. Ich druckse etwas rum. In Wahrheit stehen vier (leere) Regale drin, eines vom Vor- oder Vorvormieter, drei von uns. Der Keller sei feucht und nicht nutzbar, Ratten hätte ich auch gesehen. Vielleicht hält ihn das ja ab. Tuts aber nicht. Ich muss mit runter, der Freund trägt die Mädchen raus. Ich zeige dem Zwirn die feuchten und verschimmelten Wände und erzähle von den regelmäßigen Wasserständen.  Die Regale erwähnt er nicht mal. Er entschuldigt sich für die Unannehmlichkeiten, ich unterschreibe das Übergabeprotokoll, er wünscht uns alles Gute und wir ihm einen schönen Feierabend.
Was fallen uns für Ackersteine vom Herzen.

Und ja, traurig waren wir auch. Die kleine Dragonerin weinte gestern bitterlich, dass sie nicht mehr nah beim Opa wohnt. Der Freund ist wehmütig. Ich weine leise, weil ich vom Balkon noch einmal meine Mutter sehe, wie sie uns fast tagtäglich fröhlich zugewunken hat. Abschiedsschmerz. Alles hat seine Zeit.

Keine Eier

Hätte man Eier in der Hose, würde man vor einem Umzug kurzerhand die Hälfte des Hausstandes in die Tonne treten. Vielleicht sogar mehr.
Aber man ist so ein sentimentales Schaf, dreht jedes Teilchen fünf mal in den Händen, erinnert sich an gute und schlechte Zeiten, schaut sich fragend an (“Weißt du noch…”) und schüttelt dann den Kopf.
Jedenfalls meistens.

Die Haare schön

“Der Amadeus”, meint die Vierjährige, “der ist nicht mehr mein Freund. Der trickst mich immer aus.” Außerdem spiele er immer Cars (nach dem Film?) und das sei langweilig.
“Der Friedrich spielt auch ‘Kaas’. Aber den liebe ich noch.” Warum das denn?
“Na weil, …. der hat so schöne Haare. Und so ein süßes Gesicht.”

Und wenn wir wieder zum Frisör gehen, möchte sie die Haare wie Friedrich haben, das betont sie immer wieder. Das hieße, Kurzhaar (sehr kurz) mit leichter Tendenz zum Topfschnitt.

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