Viehcher

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Diese kleinen Viehcher namens Streptokokken scheinen einen Narren an mir gefressen zu haben. Vor vier Monaten haben sie mir fast die Entbindung im Geburtshaus vereitelt. Unter der Geburt wird Antibiotika empfohlen – am besten intravenös -, um das Ansteckungsrisiko im Geburtskanal zu minimieren. Nun ja.
Und nun die zweite Streptokokken-Angina binnen vier Wochen. Kein Rückfall sondern ein neuer Befall.
Ich wünsche mir andere Fans, bitte!

Das erste Kind grippt, das zweite bellt, das dritte hat ein verklebtes Auge. Großes Kino hier. Sonnenschein vom Bett aus betrachtet ist aber auch ganz erhellend.

So Tage

Mittagschlafzeit:

Gerade sah ich einen kleinen Schatten im Schlüppi durch den Flur huschen. “Nanu, ist der Papa beim Vorlesen (“Geschichte vom Mäuseken Wackelohr”) eingeschlafen und du stehst jetzt auf?”
“Nee”, antwortet eine entrüstete Dreijährige, “der Papa hat mich voll geneervt, da musste ich erstmal runterklettern!”
“Und nun?”
“Jetzt kletter ich wieder hoch.”
(Oben auf dem Hochbett schnarcht es.)

***
Ansonsten bringt mich gerade wenig aus meinem Babydjumm raus. Es bereitet mir einige Mühe, meine zwei festen Termine in der Woche einzuhalten: Nähkurs mit Baby und Rückbildung ohne Baby (der Opa fährt es derweil spazieren.) Bei der Rückbildung habe ich meine liebe Not, intellektuell zu folgen: “Atmet zum linken Sitzbeinhöcker ein und zur rechten Schulter aus.” Nach dem dritten Kommando dieser Art bin ich ausgestiegen und reduziere meine Teilnahme auf die reinen Bewegungsabläufe. Wenn ich etwas aus dem Cantienika-Kurs mitnehme, dann das Wissen um eine dreigeteilte Beckenbodenmuskulatur (angeblich kann man dort sogar Muskelkater haben) und um das wahrhaft aufrechte Stehen und Laufen. Immerhin. Besser folgen kann ich beim Nähkurs, da bin ich allerdings auch Einzelschülerin. Eine Art Jumperhose für das kleine lustige Mädchen und eine Mütze fürs Baby sind nach der zweiten Stunde fast fertig. Das Baby verhält sich dort mustergültig, es schläft, liegt auf der Decke oder im Arm meiner Lehrerin. Ein Glücksfall.

***

Den Rest der Tage freuen wir uns am schönen Wetter und laufen und laufen und laufen. Das Wagen hinstellen und auf eine Bank setzen klappt in der Tat nur manchmal, wie alle Kinder mag sie keinen Stillstand. So schiebe ich fröhlich durch den Sonnenschein, freue mich an grünen, blühenden Bäumen und skurrilen Wolkenbildern oder strahle mein freundliches Kind an. Auf unseren Touren gibts mal einen Kaffee, mal einen Schwatz mit der Freundin oder beides. Das Leben ist schön.
Kommende Woche möchte ich wieder mit Fitness starten. Ich weiß, ich sollte geduldig und nachsichtig mit meinem Körper sein. Bin ich auch. In Form kommen könnte er trotzdem bittschön wieder. Dabei trinkt das Baby was es kann und wenn ich es so betrachte, ist das nicht gerade wenig. Vor einigen Wochen bin ich auf den Smoothie gekommen. Roten, grünen, gelben, sogar blauen. Noch mixe ich Spinatblätter, Avokado, Beeren und Citrusfrüchte mit dem Rührstab, bin aber auf der Suche nach einem vernünftigen und bezahlbaren Mixer. Irgendwelche Tipps?

***

Wir haben Richtfest gefeiert. Yihaa!

***

In den Abendstunden, wenn denn zu später Stunde alle Kinder schlafen, habe ich in den letzten Wochen etwa zwanzigtausend Fotos gesichtet. Aus fast vierzehn Jahren Kindheit des Großen, um daraus ein Buch zu gestalten. Aus den frühen, vordigitalen Jahren musste gescannt werden, aus den anderen Jahren ausgewählt. Dann bearbeitet und beschnitten. Und schließlich gestaltet und geschrieben. Das hat mich einige halbe Nächte gekostet und viel zu viel kostbaren Schlaf. Aber es ist geschafft und langsam könnte der Postbote klingeln.

***

Zurück zum Mittagschlaf. Der Freund kam dann doch vom Hochbett runter geklettert, weil das kleine lustige Mädchen ihn wieder geweckt hatte. Müde legte er sich zum allerkleinsten Mädchen, drehte ihm den Rücken zu und schlief weiter. Doch das Baby fing an zu palavern und trat dem Papa so lange in den Rücken, bis der die Augen wieder aufschlug. Jetzt versucht er sein Glück auf der Couch oder wäscht Wäsche. Ist ja immer was zu tun…

Elterngeld, ach was soll’s

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Müde bin ich und völlig kampfesunlustig, was mein Elterngeld betrifft.
Nach dem Telefonat, das meinem gemalten Antrag folgte, zogen noch mal fast zwei Wochen ins Land. Ich wartete auf die in Aussicht gestellte Bewilligung. Aber dann meldete sich Frau Petruschka noch einmal telefonisch. Es haut nun doch nicht hin mit der Aufteilung auf 18 Monate. Nanu, war mein Gemälde unscharf? Sollte ich mich etwa verrechnet haben?
Nein, nein, mein Antrag sei korrekt gewesen, versichert die Dame am Telefon. Nur das Programm… das kann ihn nicht verarbeiten. Das spuckt nur 14 Monate bis März aus…
Wir reden hin, wir reden her. Meine Frage: Wieso kann die Beamtin nicht einen korrekten Antrag bewilligen, sondern ist an ein (offensichtlich fehlerhaftes, unausgegorenes) Programm gefesselt?
Antwort: Sie kann es nicht ändern. Sie füttert Daten und muss schauen, was das Programm eben ausspuckt. Meine Aufteilung der ganzen bzw. halben Monate schluckt es eben nicht. Könne ich das nicht so akzeptieren?
Ich bin sauer. Ich versteh das nicht. Ich erwidere, dass mir die Aufteilung der vollen und halben Zahlungen jetzt egal sei, ich will nur eine Streckung über 18 Monate.
Frau Petruschka ist ratlos. Hilflos. Fragt MICH, was sie denn machen soll. Ich schlage ihr vor, sie soll das Programm mit verschiedenen Angeboten füttern – bis es die Zahlung auf 18 Monate streckt.
Ich fühl mich wie im falschen Film.
Sie verspricht, mich zurückzurufen.
Tatsächlich klingelt das Handy eine Stunde später.
Eine fröhliche Frau Petruschka unterbreitet mir zwei Angebote: Zahlung bis Mai (17 Monate) oder bis Juli (19 Monate). “Jut wa, ick hab dit Programm übalistet.” Ich lobe Frau Petruschka etwas und entscheide mich für die Maivariante. Sie empfiehlt mir noch, das ganz genau aufzuschreiben, damit ich das Geld (die paar Kröten) selber strecken kann. Ein wirklich cleverer Vorschlag.

Gestern, fast 15 Wochen nach der Geburt, kam die Bewilligung. Mit einer Zahlung bis April. Ich bin es wirklich leid. Ich könnte jetzt noch ausführen, dass ich in den Monaten mit vollem Elterngeld noch eine zweite Zahlung mit einem halben Betrag erhalte. Das führt den Sinn der Streckung der Zahlungen völlig ad absurdum. Aber wer fragt hier schon nach Sinn.

(Als Alleinerziehende wäre ich längst ein Sozialfall.)

Verstörende Nähe

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Zwei Beilagen entnahm ich heute der aktuellen Zeit:

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Den sogenannten Elitereport und das Zeitmagazin. Der “Elitebrief” wendet sich an Menschen mit “vermögensrelevanten Themen”. Beim schnellen Durchblättern springen mir jede Menge Herren im schwarzen Anzug entgegen, die in Interviews für erfolgversprechende Anlageformen ihres Bankhauses werben. Die meist verwendeten Vokabeln lauten Erfolg, optimal, maßgeschneidert, risikominimiert, Kapitalmärkte, Aktienstreuung etc., man kennt das.

Das Zeitmagazin bildet eine vom Krebs gezeichnete Frau ab. Chronik eines Abschieds heißt der Artikel, ein New Yorker Fotograf dokumentierte mit zahllosen Aufnahmen die Brustkrebserkrankung seiner Frau. Das Protokoll basiert auf einem Blog der erkrankten Frau und auf dem ihres Mannes.
Traurig.
Lesenswert.

(Und das andere landet in der Tonne.)

Freitag: Zeit für Begegnung

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Der Freitag hätte schöner kaum starten können. Die Luft in den Straßen fühlte sich nach Sommer an, der Himmel strahlte blau, die Sonne stieg immer höher und ich bereute, nichts Kurzärmeliges zu tragen. Mit einem Freund hatte ich im Biergarten im Park einen Vormittagskaffee getrunken. Im Schatten der großen Bäume schlürften wir wie die anderen sonnenbebrillten Mütter, Künstler, Projektanschieber und Tagträumer unser Milchschaumgetränk. Gegen Mittag war ich weiter zum anderen Park spaziert und hatte mich auf einer Bank am Spielplatz niedergelassen. Mangels einer Buddelkiste fehlen hier die Vormittagsmütter mit Kleinkindern, es ist einer meiner Lieblingsorte zu dieser Tageszeit. Nichts war zu hören außer einer laut singenden Amsel, die aufgeregt umherhüpfte. Ich knabberte an einem Splitterbrötchen, das Baby schlief. Die Sonne stand im Zenit, ich hatte mich der Schuhe und Socken entledigt und meine qualmenden Füße auf dem Kinderwagen geparkt. Mittagsmüde überflog ich einen Zeitungsartikel über die Ministerinnen van der Leyen und Schröder.

Als ich den Kopf hebe, sehe ich die alte Frau. Eine sehr alte Frau, sehr kleine Frau. Mühsam aber zielstrebig steuert sie auf den Spielplatz zu, so schnell es eben geht mit ihren seitlich verkrümmten Beinen. Mit der einen Hand stützt sie sich auf einer Krücke, die kaum höher als mein Knie ist. Mit der anderen Hand zieht sie ein Einkaufswägelchen hinter sich her, auf dem oben ein Paket Klopapier festgebunden ist, das bedrohlich schief hängt. Auf einem der Spielgeräte mit einer Holzplatte lässt sie sich nieder. Ich falte meine Zeitung zusammen und steige strumpflos in meine Schuhe. Mit dem Kinderwagen schiebe ich zu der Frau und frage sie, ob ich ihr helfen kann, ob ich ihren Einkauf irgend wohin transportieren kann. Ach, erwidert sie, es sei doch ihre Schuld. Sie war bei dem schönen Wetter auf dem Friedhof und dann noch bei Netto, und da hätte sie einfach zu viel eingekauft. Jetzt dauert der Heimweg eben länger, und – sie schaut mich von unten an – ich könne den schweren Wagen ja auch nicht ziehen. Ich muss etwas lachen, denn ich bin mindestens zwei Köpfe größer, doppelt so kräftig und höchstens halb so alt wie die Frau. Ich registriere, dass sie für ihr Alter ungemein gut hört. Sehr wache Augen blitzen mich hinter der Brille aus einem freundlichen und sehr faltigen Gesicht an. Ich wiederhole, dass ich ihr sehr gerne helfen möchte – und dass ich Zeit habe. Als ich das sage, muss ich selber staunen. Ja, ich habe Zeit an diesem sonnigen Freitag. Da schlägt sie vor, was ich mir auch dachte: Sie schiebt den Kinderwagen, der eine recht passable Gehhilfe abgibt, und ich ziehe das Einkaufswägelchen samt der Krücke.

So brechen wir auf in Richtung Hauptweg. Arthrose in den Beinen, erzählt sie mir. Vor Jahren sollte operiert werden, aber da sei dann gerade ihr Mann gestorben. Jetzt ist es zu spät. Man könne nichts mehr machen, nur etwas gegen die Schmerzen nehmen. Das solle man aber nicht so oft. Ohne jede Bitterkeit erzählt sie.

Wir kommen nur langsam vorwärts. Am Hauptweg stehen viele Bänke, das ist mir früher nie aufgefallen. Gleich auf der ersten machen wir eine Pause. Sie freut sich an dem kleinsten Mädchen, das seinen Kopf im Schlaf hin und her dreht und wir erzählen über unsere je drei Kinder, ihr jüngstes ist ebenfalls ein später Nachzügler. Wir freuen uns, wie laut die Vögel zwitschern an diesem warmen Frühlingstag. Als wir uns wieder in Bewegung setzen, ist das Baby aufgewacht. Die alte Frau strahlt in den Wagen – und das Mädchen lächelt verlegen zurück. Sie erzählt weiter von ihren Enkeln und Urenkeln, bald kommt das achte.

Wir erreichen die nächste Bank. Als wir sitzen, frage ich sie, wie sie das sonst mit ihren Einkäufen macht, denn das Wägelchen hat ein ordentliches Gewicht. Sonst geht sie zu Kaisers, erwidert sie, das sei näher und auf dem halben Weg liegt eine Bushaltestelle, auf den Sitzen könne sie sich gut ausruhen. Aber heute war sie leichtsinnig, wiederholt sie, bei Netto gibt es eben andere Sachen und es sei auch billiger, da habe sie dummerweise zu viel gekauft. Ich frage mich, wie das wohl sein muss im Alter, wenn man seine Wege danach aussuchen muss, in welcher Entfernung Bänke für eine Pause stehen. Wenn die Beine permanent schmerzen. Und man bei jeder Saftflasche überlegen muss, ob man die überhaupt nach Hause transportieren kann.

Als wir unseren Weg fortsetzen, erzählt sie von 61, vom Mauerbau, als sie von einem Tag auf den anderen von ihren Eltern abgeschnitten war. Als sie nicht nach Westberlin durfte, als diese im Sterben lagen, erst zur Beerdigung. Sie erzählt das fast beiläufig und ich kann nur ahnen, mir vage ausmalen, wie groß ihre Verzweiflung und Ohnmacht gewesen sein müssen. Später, als sie Rentner waren, durften sie ja rüber. Das war schön, jedoch war die Angst vor den Grenzern immer groß, im Tränenpalast an der Friedrichstraße.
Wir nähern uns Bank Nummer drei. Das kleinste Mädchen hat Hunger und Durst bekommen. Während ich sie stille, erzählt die Frau von ihrem Mann, der so lange gegen den Krebs forschte und ihm dann selber erlag. Da waren die beiden sechzig Jahre verheiratet gewesen. Sie fragt, wie es meinem Vater ohne meine Mutter geht und ich erwidere, dass er sich wacker schlägt und ich mir keine großen Sorgen machen muss. Das sei nicht immer so, häufig kämen Eheleute, meistens Männer, nach dem Tod des langjährigen Partners nicht allein zurecht. Viele ihrer alten Bekannten und Nachbarn leben nicht mehr, aber sie kennt schon noch einige Leute. Nicht die, die nur klagen und jammern, die meidet sie. Das kann ich mir gut vorstellen. Ihre Kinder und Enkel kämen häufig. Das beruhigt mich etwas.

Wir stehen an der Ecke zu ihrer Straße. Für die etwa 800 Meter haben wir fast eine Stunde gebraucht. Sie könne jetzt alleine weiter, versichert sie, aber ich will sie wirklich nicht mit dem schweren Wagen ziehen lassen. Ich versichere ihr noch einmal, dass ich Zeit habe und dass es mir außerdem Spaß macht, mit ihr zu reden. Das freut sie sichtlich und wir biegen in die Straße ein. Vor ihrem Haus, in dem sie alleine lebt, erzählt sie, dass damals hier der Hund begraben war. Ein paar Häuschen, viel Acker und ja, auch einige Kriegsschäden. Heute ist alles dicht besiedelt. Die kleine Frau bittet mich noch in ihren etwas verwilderten Garten. Unbedingt. Die riesige Tanne habe ihr Sohn vor fünfzig Jahren gepflanzt. Und der Apfelbaum, unter dem der Kinderwagen steht, trage meistens gut.

Ich muss nun doch langsam gehen, denn der Große kommt nach Hause. Ihren Einkauf trage ich noch die vordere Treppen in den Vorraum. Wir verabschieden uns auf bald. Bestimmt werden wir uns einmal auf dem Friedhof begegnen, da sei sie ja auch häufig, oder im Park, oder beim Einkaufen. Oder ich solle doch unbedingt einmal klingeln, wenn ich mit dem Baby wieder spazieren gehe.

Wir malen einen Antrag

“Ick kann aba nich hexen”, versichert mir Frau Petruschka am Telefon. Frau Petruschka ist die Sachbearbeiterin für mein Elterngeld.
Elterngeld gibt’s seit 2007 und als ich eben den Artikel zum Verlinken suchte, überflog ich kurz, dass mein Problem nicht neu ist. 2007: Eltern müssen warten. 2012: Lange Wartezeiten aufs Elterngeld in Berlin. 2013: 20 Wochen Wartezeit. Zwanzig Wochen. Das ist fast ein halbes Jahr!
Hätte ich das vorher gewusst, hätte ich den Antrag lange vor der Geburt gestellt. Leider geht das nicht, weil Geburtsurkunde und diverse andere Formulare zum Antrag gehören. Und den Papierkram hat man frühestens 4 Wochen nach der Geburt zusammen. Wenn denn die Krankenkasse und der Arbeitgeber das entsprechende Blatt auch schicken. Wie das eben so ist bei Anträgen. Bei mir lief alles gut an, Ende Februar ging mein dicker Umschlag raus.
Wenige Tage später meldete sich Frau Petruschka telefonisch auf meiner Mailbox zurück. Leider konnte ich in dem Augenblick nicht ans Telefon. Als ich nur fünf Minuten später zurückrief, redete nur ein Anrufbeantworter mit mir: “Telefonische Sprechzeit Montag und Mittwoch von 10 bis 12 Uhr.” Wir hatten Donnerstag.

Montag ab zehn hatte ich das Telefon hinterm Ohr. Nach einer halben Stunde Besetztzeichen verließ mich der Mut. Es würde mir also nicht erspart bleiben, mit dem Neugeborenen mit Bus durch die Stadt zu juckeln und mich auf den Ämterflur zu setzen. Vier Minuten vor zwölf hatte ich Glück. Eine sehr müde und äußerst schlecht gelaunte Frau Petruschka meldete sich.
“Wann issn ihr Kind jeborn?”, wollte sie wissen, um die Akte zu finden. Ich hörte sie fluchen, als sie im Hintergrund vermutlich meine Kladde suchte. Pause. “Jut. Wir müssen hier noch auf Nachricht vom Jobcenter warten.”
“Wieso”, fragte ich. “Was hat mein Antrag mit dem Jobcenter zu tun?”
“Ohne die Bestätigung der Zahlung könn wa Ihnen keen Elternjeld zahln.”
“Ich habe gar nichts mit dem Jobcenter zu tun. Ich bin angestellt.”
“Nee, wir brauchen dieses Formular…” und sie redete und redete.
“Frau Petruschka, das muss eine Verwechslung sein”, unterbrach ich sie höflich.
“Wieso. Ihr Kind ist doch am xx. Januar geboren. Und Sie heißen Vierviertel, dit hamse mir doch jesacht!”
“Ich heiße Vierachtel, und ja, mein Kind ist am xx. geboren.”
“Moment.”
Nach einigem Rascheln flucht es erneut durch die Leitung. Eine Akte knallt auf den Tisch.
“Frau Vierachtel? Moment. Ich muss mich kurz einlesen.”
“Kein Problem.”
Pause. Blättern. Stöhnen.
“Frau Vierachtel? Sie müssen in die Sprechstunde kommen.”
“Sie hatten mir auf die Mailbox gesprochen, dass sie die finanzielle Aufteilung der 18 Monate brauchen. Die kann ich Ihnen durchgeben.”
“Dit brauch ick schriftlich.”
“Ich schicke Ihnen das gerne!”
Sie erklärt mir, dass das mit der Aufteilung von 12 auf 18 Monate sehr kompliziert sei, man müsse Skizzen anfertigen, damit das auch eindeutig ist. Und die ersten zwei Monate könne man auch nicht halbieren. Schwierige Materie, ämterchinesisch, und in der Tat reden wir aneinander vorbei, und Frau Peteuschka hat auch keine Lust mehr und wahrscheinlich Feierabend. Ich verstehe ja, dass ich hier in der Hackordnung ganz unten stehe und brav bitte/danke sagen muss, aber irgendwann platzt mir auch der Kragen.
“Ich mache Ihnen ein Schreiben mit Skizze, damit wir das auch alle ganz genau verstehen.” Wenns dann gut ist, ist der Antrag durch, wenn nicht, dann reden wir eben weiter.
“Dit wird sowieso nüscht, aba machense mal. Tschüss.”

Also malte ich einen Elterngeldantrag. Ich malte einen Balken für jeden der 18 Monate bis 2014 und beschriftete ihn in Schönschrift, ob ich eine volle oder halbe Auszahlung in diesem Monat wünsche. Die mathematische Herausforderung besteht darin, 12 auf 18 Monate zu strecken, 6 Monate gibt’s volles, 12 Monate halbes Eltetngeld. Ich zeigte dem Freund mein Meisterwerk und wollte wissen, ob man das schicken könne, ob das nicht Verarschung sei. Ein Bild mit Unterschrift. Der lachte nur, als er meine Türmchen ansah.

Es war Anfang März, als ich das Bild an Frau Petruschka schickte. Seither hörte ich nichts mehr von der Elterngeldstelle. Dann las ich den Artikel in der Zeitung über die Wartezeit. Anfang April wagte ich mich ans Telefon. Schon nach dem 12. Versuch meldete sich Frau Petruschka.
“Vierachtel hier, ich wollte mich nach meinem Antrag erkundigen.”
“Geburtsdatum? Name?”
Diesmal griff sie den richtigen Antrag.
“Ick hab Sie hier uff’m Stapel. Kann aber noch dauern. Wir sind total unterbesetzt. Wenn allet jut jeht, bearbeite ick Ihrn Antrach nächste Woche. (Es war Montag)
“Ist mein Antrag denn vollständig?”
“Ick sach Ihnen doch, der liegt uff’m Stapel zum Bewilligen. Hier is allet komplett. Ick kann aba nich hexen!”

Das war vor drei Wochen.
Mühsam nährt sich das Eichhörnchen.

Spontan und unverhofft

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Eigentlich wollte ich dem Baby ein Mützchen kaufen. Heimgekommen sind wir mit Brot, Klopapier und einer Anmeldung für einen Nähkurs. Nähkurs mit Baby.
Ich. mache. einen. Nähkurs. Ich! *tuschundtrommelwirbel

(Ich glaub’s erst, wenn ich meine Nähmaschine dorthin geschafft habe und an ihr sitze. Hach, wat ick mir freue!)

Zum Film

Vor ein paar Wochen habe ich das kleine, lustige Mädchen zu einem Casting angemeldet. Eine Schnellschussaktion. Vorher hüpfte sie ein paar Stunden auf der Couch rum, quatschte dabei ohne Punkt und Komma und erzählte die ungeheuerlichsten Geschichten. Ich dachte, vielleicht hätten da noch andere ihre Freude dran, oder das Palaver könne man möglicherweise ein wenig kanalisieren – aber eher dachte ich in dem Augenblick gar nichts. Der Agentur – die für einen Kinokinderfilm kleine Gören zwischen drei und sechs suchte – schickte ich ein verwackeltes Handyfoto und ein paar formlose Zeilen. Am nächsten Tag kam eine Mail zurück, in der ich gebeten wurde, das Kind nochmal als Portrait und Ganzkörper abzulichten und ein beigefügtes Formular auszufüllen. Das tat ich nicht. Erstens hatte ich keine Lust auf diesen Castingcirkus und zweitens hätte das rein logistisch gar nicht geklappt; von den Dreharbeiten ganz zu schweigen. Das scheint mir eher eine Beschäftigung für Einzelkinder mit nichtarbeitenden Müttern zu sein.

Längst war die Aktion vergessen. Doch nun kam nach Wochen eine weitere Mail. Ein zweites Casting wurde anberaumt und man würde meine kleine Tochter sehr gern kennenlernen. Sie solle ein Lied singen und eine kleine Szene vorspielen, ein Gespräch mit drei Sätzen. Man fühlt sich ja dann doch ein bisschen gebauchpinselt und ich fragte das Töchterlein, ob sie im Film mitspielen wolle. Große Augen. Sie kennt Film nur als kleiner Maulwurf, Trotro oder Micky Mouse. Was wir ihr mal eben auf Youtube einstellen. “Richtige Filme” mit echten Menschen kennt sie nicht…. (stimmt nicht, sie war ja neulich im Kino, aber auch das war ein Trickfilm). Schnell begriff ich, dass sie mit ihren drei Jahren das Medium Film überhaupt noch nicht begreift. Etwas “spielen”? “Schauspielern”? “So tun als ob?” “Da sind dann schwarze Männer?” “Häh, was soll ich?” (Keine Ahnung, woher die fixe Idee der schwarzen Männer stammt.) Sie hat lediglich eine Idee von Theater und Puppentheater, das kennt sie. Als ich ihr dann noch zu erklärten versuchte, dass sie vorher noch ein Lied singen solle und dabei ein paar Leute zuhören, sagte sie sehr bestimmt: “Nö. Das trau ich mich aber nicht.” Fand ich gut.
Dann schaute ich mir die kleine Szene an, die vorzubereiten wäre. Es ging um eine kranke Oma, das ließ ich dann lieber gleich bleiben.

Dreijährige für einen Kinofilm zu gewinnen stelle ich mir außerordentlich schwierig vor. Und erst die Dreharbeiten. Wie will man die Steppkes dazu bringen, mit Freude (und gut gespielt) etwas zu tun, was nicht sie wollen sondern ein Regisseur?

Der Große hat hier auch so seine Star-Ambitionen. Als er noch kleiner war, “missbrauchte” ich ihn dienstlich ein paar mal als Fotomodell. Das machte Spaß und war leicht verdientes Geld. Seit Monaten liegt er mir in den Ohren, ihn doch endlich bei einer richtigen Agentur anzumelden. Einer seiner Freunde verdient recht gut mit Werbeclips, der sieht aber auch sehr schnuffig aus. Nun sieht der Große nicht gerade süß und schnuffig aus, sondern eher kräftig und vorpubertär. Trotzdem, vielleicht ja als Statist? Wie will man als 13-Jähriger sonst auch zu Kohle kommen?
Ich bin da etwas zögerlich.

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