20120411-134206.jpgDieses Buch lag vor wenigen Wochen in meinem Briefkasten. Ein Absender stand leider nicht drauf, drum schreibe ich unbekannterweise ein herzliches Dankeschön in die Runde (falls jemand meiner Blogleser der „Täter“ war.) Ich habe mich sehr gefreut.

Das Buch ist deshalb so interessant für mich, weil der Tod der „alten“ Eltern sonst in der Trauerliteratur nur am Rande erwähnt wird. In der Regel geht es um jüngere (Ehe)Partner, um Kinder oder den Umgang mit Selbstmord. Äußerlich betrachtet gilt der Tod der Eltern als zwar trauriges, aber nicht sonderlich belastendes Ereignis. Alte Menschen haben ihr Leben gelebt und hinterlassen erwachsene und im Leben stehende Kinder. „Es ist der Lauf der Dinge“, sagt man lapidar.

(Im Übrigen störe ich mich an dem Begriff alt, lasse ihn aber stehen, um die Generation der Eltern von erwachsenen Kindern zu definieren.)

In den Interviews mit den erwachsenen Söhnen und Töchtern, die die Autorin führte, bekannten alle einmütig: „Der Tod der Eltern verletzt und verändert unsere ganzen Persönlichkeit.“ Viele waren überrascht über die Intensität der Gefühle und die Dauer des Trauerprozesses.
„Wir sind schlecht, gar nicht oder falsch vorbereitet auf den Abschied von unseren Eltern.“ Das ist leider die bittere Wahrheit. Wie so oft ist das ein Buch, das man vor dem Todesfall lesen sollte. Jedoch, wer macht das schon, wer beschäftigt sich Vorher mit dem Nachher? Vielleicht während eines Krankheitsfalls?

Barbara Dobrick durchleuchtet alle Facetten der Trauergefühle. Sie schreibt über die allererste Reaktion, die von der Art des Todes abhängt, aber auch davon, ob die Kinder beim Tod anwesend waren. Neu war für mich, dass große Männer wie Goethe und Freud auf weite Reisen gingen, um den Tod ihres jeweils kranken Vaters nicht erleben zu müssen. Sie sahen sich dem nicht gewachsen. (Was hätte ich dafür gegeben. )
Und ja, es spielt eine Rolle, ob wir vorbereitet waren, ob wir Abschied nehmen konnten. Dobrick durchleuchtet das elende Verlassenheitsgefühl, dieses „mutterseelenallein“. Sehr schön differenziert sie die Trauer um uns (Wir haben sie nicht mehr!) von der Trauer für die Gestorbenen (Dobrick meint, dass es diese nicht gibt, wir können nur Versäumnisse in ihrem Leben betrauern.). Es geht um Verzweiflung und Ohnmacht – aber auch um mögliche Erleichterung und Befreiung (die Schuldgefühle mit sich bringen können). Eindrücklich beschreibt sie die Gefahr der Idealisierung der Eltern.

Unser Verhältnis zu unseren Eltern bestimmt die Art und Weise, wie wir trauern. Und zwar nicht nur unsrer aktuelles Verhältnis, sondern unsere Bindung seit Kindheitstagen. Das ist eine Kernaussage des Buches. Keinesfalls liegt der Schluss nahe, dass Söhne und Töchter mit einem zwiespältigen oder ablehnenden Verhältnis leichter mit dem Tod fertig werden als Kinder, die bis ins hohe Alter eng und harmonisch mit ihren Eltern verbunden waren. Denn nach dem Tod kommt die Aufarbeitung. Weitere Kapitel behandeln die Isolation, die Sehnsucht, das neue Verhältnis der Geschwister – und immer wieder das endgültige Ende der Kindheit.

In dem Buch betrauerten alle Interviewten Eltern, die eine Krankheit durchlitten hatten und deren Sterben absehbar war. Manche pflegten ihre Eltern zu Hause bis in den Tod, von anderen starben die Eltern im Krankenhaus. Insofern erstmal keine Parallelen für mich, zumindest was die erste Zeit nach dem Tod angeht. Plötzlicher Herztod mit 72  scheint eine Randerscheinung zu sein.

Eine Aussage, hier sinngemäß wiedergegeben, hat mich sehr gerührt: Hin und wieder denkt man, was man mit seinen Eltern noch bereden könnte, was man vielleicht aufarbeiten möchte, was man gemeinsam unternehmen könnte. Da sind so viele unerledigte „man könnte und sollte mal“, die man vor sich herschiebt. Weil sie nicht drängen, meint man. Und sei es nur ein dankeschön. Mit einem Schlag sind all diese Pläne, Möglichkeiten und ungesagten Worte ausgelöscht.

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