Als ich heute über den Friedhof spazierte zum Grab meiner Mutter, sah ich eine Frau vor einem Grab knien. Es muss ein frisches Grab. Mit irgendeinem Gerät bearbeitete sie jedes Hälmchen und pickte herunter gefallene Blütenblätter von der Erde. Ich hatte nicht viel Zeit, wollte in der Hitze nur wenigstens das Grab gießen, die von Schnecken zerspeiste Sonnenblume entfernen und dafür ein anderes Blümchen pflanzen. Eigentlich vermeide ich Eile auf dem Friedhof, aber zuhause warteten ein kranker Freund und ein krankes Baby und beim Asiaten ein paar bestellte Gerichte. Als ich den Friedhof verlassen wollte, kauerte die Frau noch immer am Grab – sie schluchzte bitterlich. Für den Bruchteil einer Sekunde wollte ich zu ihr gehen, tat es aber nicht. Vielleicht wäre es gut und richtig gewesen, ich weiß es nicht. Schon öfter bin ich auf dem Friedhof mit anderen Trauernden ins Gespräch gekommen – die gegenteilige Anteilnahme und allein das Erzählen hat etwas Heilsames. Beim Anblick der Frau fühlte ich mich zurückversetzt in die erste Trauerzeit, in die Zeit des Schocks, der Ohnmacht und der Wut auf diese Welt, die sich erbarmungslos weiterdrehte. Vielleicht hätte ich wirklich zu ihr gehen sollen…. wenn da nicht das schnöde Leben mit den Chinapfannen gezogen hätte.

Das kleinste Mädchen ist nun anderthalb Jahre alt und längst kein Baby mehr. Meine Elternzeit nähert sich dem Ende und ich sehe dem mit einigem Grauen entgegen. Bei all dem heimischen Pensum ist mir schleierhaft, wie ich ganz nebenbei noch „schaffen“ soll. Und das ganze in Projekten mit Termindruck. Natürlich in Teilzeit. Natürlich ohne gravierende Überstunden. Trotzdem mit permanentem Druck im Nacken. Ich weiß es einfach noch nicht. Normalerweise schimpfen Mütter, dass sie mit Kindern nur bedingt Karriere machen können. Den Anspruch habe ich gar nicht (mehr). Im Gegenteil. Ich will keine Projektleiterin und Chefstrickliesel sein. Mir fehlt schlicht und einfach die Energie, und ich fürchte/ahne/weiß, dass meine Akkus begrenzt sind. Drei Mal mindestens war ich schon in der Firma, weiß um mein neues Projekt und müsste längst losgelegt haben, um den Zeitplan zu halten. Bücher und Unterlagen stapeln sich hier – in einer dunklen Ecke. Hin und wieder werde ich angerufen und nach dem Arbeitsstand gefragt. Kann dann nur entschuldigend die Achseln zucken und erwidern, dass ich mit Kleinkind zu nichts komme. Nein, auch nicht abends wenn es schläft. Da bin ich nämlich platt. Und hey, ich bin noch in Elternzeit. Da schiebt sich ein mächtiger Berg zusammen, der vor mir wie eine Wand steht. Wie das dann mit der Kindergarten-Eingewöhnung und den obligatirischen Anfangskrankheiten (wir schreiben dann Herbst und Winter!) wird, daran mag ich noch nicht denken. Aber noch ist das Schnee von morgen.

Bis dahin genießen wir unser neues Zuhause, das eventuell vielleicht möglicherweise in einem Jahr mal so richtig eingerichtet sein wird. In diesem Moment sitze ich auf dem großen Balkon, dessen Dielen ich letzte Woche geölt habe. Die Sonne ist untergegangen und auf dem kleinen Weg vor mir trottete eben ein Fuchs vorbei. Der wohnt mit seiner Familie ganz in der Nähe. Im Hintergrund rauscht die Straße. Vorhin standen wir noch auf der Dachterasse und freuten uns am Sonnenuntergang. So sehr es zehrt, dass immer etwas zu tun ist, so sehr freut man sich dann auch. Über die Balkons. Eine Schaukel. Buddelkasten und Trampolin. Nette Nachbarn. Und tausend kleine schöne Dinge.
Und vielleicht reicht die Zeit noch für einen Mini-Urlaub. Etwas Seeluft hat noch keinem geschadet.

(Gerade trottete der Fuchs wieder zurück – und er störte sich nicht mal am Bewegungsmelder, der ihn in den Scheinwerfer rückte.)

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